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Siamkater Moses fand ich eines Morgens in einem großen Müllcontainer hinter meinem Haus, als ich noch in Los Angeles wohnte. Er war ungefähr ein halbes Jahr alt und so scheu, daß ich davon ausgehe, dass er bis zu seiner Bekanntschaft mit mir noch nie bei Menschen gelebt hatte – bis heute, neun Jahre später, fehlt ihm dieses Urvertrauen, das ihn davon überzeugen kann, nicht jeder schnelle Schritt in seine Richtung bedeutet eine Attacke. Sobald alle sitzen, wähnt Moses sich in Sicherheit:
Dann ist er ein aufmerksamer Gastgeber bei Abendeinladungen und sorgt dafür, dass den Damen die Schöße nicht abkühlen. Zu Moses‘ weiteren Pflichten gehört es, mir beim Arbeiten am Computer den Rücken zu wärmen und mich abends unmißverständlich daran zu erinnern, daß es Punkt sechs und damit Fütterungszeit ist. Er liebt Mops Theo mit zärtlicher Hingabe, dem wiederum die Zärtlichkeitsanfälle des artfremden Wesens ziemlich peinlich sind, sie mit starr abgewendetem Blick aber tapfer erträgt. Das Schlimmste, was ihm im Laufe seines Lebens bei mir passiert ist, war, als Kater Gustav bei uns einzog: Die beiden sind sich nach sechs Jahren des Zusammenlebens noch nicht grün, und Moses zeigt nicht den geringsten Sinn für Humor, was Gustavs rüde Scherze anbelangt.



Noah, ein weiterer Siamese, hockte unter einem Busch in Los Angeles‘ Runyon Canyon Park, wo meine Hunde ihn nach einem Spaziergang fanden. Er war höchstens acht Wochen alt und winzig, hellbeige mit riesigen blauen Augen und einem schwarzen Fleck auf der Nase.
Er fürchtete sich vor nichts, sprang sofort in Bellas Futterschüssel und aß überhaupt alles, was nicht angewachsen war: Brötchen, Oliven, Marmelade, Spagetti, Frühlingsrollen oder Hundekekse. Dazwischen bekam er dreimal am Tag auch noch Katzenfutter, was seinen Appetit allerdings nicht bremsen konnte. Aufgrund dieser abwechslungsreichen Ernährung in seiner Jugend ist er jedenfalls gewaltig groß geworden, größer als die Möpse und höher als Bella, dabei aber sehr durchtrainiert und muskulös. Was er wiegt, verrät er trotzdem nicht. Er hält sich in Form, indem er uns bei den abendlichen letzten Hundespaziergängen begleitet – was andere Passanten manchmal dazu bringt, ihren Alkoholkonsum zu überdenken, weil sie ihren Augen nicht trauen wollen. Wenn wir zu schnell gehen, galoppiert er laut heulend hinter uns her, benimmt sich aber ansonsten wie die Hunde: Betrachtet die Bäume, beriecht Mülltonnen und springt auf Mauern, um besseren Überblick zu bekommen.



Gustav ist seines Zeichens eine Havana Brown, eine edle amerikanische Katzenrasse, die etwa aussieht, wie die Russisch Blau – schmal, grünäugig, kurzhaarig, wunderschön -, aber eben in dunkelbraun. Allerdings straft Gustav seine edle Abstammung grundsätzlich Lügen und benimmt sich häufig ausgesprochen unfein. Gustav ist relativ klein und wirkt zart, was ihn nicht daran hindert, den beiden Nachbarkatzen aufzulauern – Maine-Coon-Mischlinge und dadurch wirklich sehr groß! -, indem er sich vor ihrer Katzenklappe parkt und sie nach Strich und Faden verdrischt, sobald sie die Nase aus der Tür stecken.
Ähnliches macht er mit Moses, dem er hinter Türrahmen auflauert und den armen Moses, dessen Nervenkostüm sowieso nicht das Beste ist, zu Tode erschreckt. Er miaut zum Steinerweichen mit der jämmerlichsten, traurigsten Stimme, die man sich vorstellen kann und gefällt sich ansonsten darin, stundenlang vollkommen unbeweglich dazusitzen, ein vollkommenes, adliges Standbild – wäre da nicht dieses alberne Stückchen rosa Zunge, das er bei derlei Gelegenheiten gerne hervor- gucken läßt.