Harry ist ein zartes Wesen, aber unwiderstehlich - eine Mischung aus Vogel, Gazelle und Pereskop. Friedrich der Große, der eine ganze Meute dieser kleinen Hunde hielt (seine Frau durfte nicht mit ihm zusammen essen, während die Hunde am Tisch von Porzellan gefüttert wurden) schrieb seiner Schwester einmal empört, sein Tierarzt sei ein Idiot, weil er nicht verstehen würde, dass diese Tiere keine Hunde, sondern Vögel mit vier Beinen seien: So ähnlich ist es tatsächlich, und mein Tierarzt versteht das glücklicherweise auch. Harry ist extrem Komfort-orientiert und hält sich offensichtlich für ein zusätzliches Körperteil von mir: Wo ich sitze, stehe oder liege, faltet er sich neben, an oder auf mich – auch bei dreißig Grad ist er der Meinung, allerengster Körperkontakt sei genau das richtige.
Meine kleine Terrier-Mischlingshündin Bella musste im August 2006 mit fünfzehn Jahren eingeschläfert werden, und daher war in unserem Haushalt sozusagen ein Platz frei. Die braune Pudelhündin Ida war anfangs nur bedingt begeistert von dem kleinen 300-Gramm-Hund, wie wir das federleichte Ding nennen: Ihr 24-Stunden-Prinzessinen-Service wurde nach Harrys Ankunft erst einmal stark eingeschränkt. Inzwischen findet sie ihn aber lustig, lässt ich sogar nach anfänglichem Murren bei sich schlafen – ohne Körperkontakt ist Harry einfach nicht froh -, und teilt sogar ihre Spielsachen mit ihm. Luise betet ihn an: Sie liebt sowieso alles, was winzig ist, während Theo ein wunderbarer Babysitter ist – wenn Harry anfangs manchmal weinte, setzte er sich einfach auf ihn drauf, woraufhin sofort Ruhe war. Vielleicht bekam Harry auch einfach keine Luft mehr.
Harry hat eine sehr schnelle Auffassungsgabe, lernte „Sitz“ und „Platz“ praktisch nebenbei, war nach allerkürzester Zeit stubenrein und springt auch schon durch Reifen. Die Großstadt hält er bisher noch für eine Zumutung, und tatsächlich ist Berlin auch sehr, sehr laut für geräuschemfpindliche Wesen. Abgesehen davon wirkt er aufgrund seiner Zartheit und der blaugrauen Augen auf die meisten Menschen unwiderstehlich, weshalb immerzu alle versuchen, ihn anzufassen - was Windhunde grundsätzlich nicht schätzen: Sie entscheiden selbst, wann sie Kontakt möchten, und mit wem – im Gegensatz zu meinen drei anderen, hochkommunikativen Rampensäuen, die grundsätzlich der Meinung sind, die Welt sei zu ihrem Amüsement erschaffen worden.
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